Salty Thoughts: Der Europe Cup of Surfing

Salty Thoughts: Der Europe Cup of Surfing

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Die Hälfte des Europe Cup of Surfing 2020 ist durch, gesurft wurde in Biarritz, der Grand Dame des Surfens in Europa. Ein Zwischenfazit, bevor es – wahrscheinlich – weiter nach Portugal geht. Wohin genau? Da wird noch verhandelt. In Frankreich gewannen die Favoriten Italo Ferreira und Johanne Defay in miesen Onshore-Mush Bedingungen. Falls von der WSL wer mitliest: Hier nochmal der Einführungsguide zum Themenkomplex Wellen.

“Professionell Surfing is back in Europe!” So und ähnlich wurde das Rendezvous of Surfing in Anglet angekündigt. Die Location hat durchaus Tradition. Regelmäßig war hier das Deeply Pro Anglet in der Vergangenheit und regelmäßig waren die Wellen klein und frustrierend. Kommentar WSL:

The WSL Countdown heads to the Old Continent for the Euro Cup of Surfing, two events, two countries, 24 surfers and potentially epic waves with a reduced competition format and multiple locations. Both events will be webcast LIVE on WorldSurfLeague.com and the WSL’s social channels

von der WSL Website im Vorfeld der Veranstaltung

Potentiell epische Bedingungen erwarte ich auch, falls wir bei anhaltenden Rückschlägen in der Corona-Eindämmung doch nach Dänemark fahren. Die SurferInnen in Biarritz sind derweil um die halbe Welt geflogen, um in mediokren Bedingungen neue Bilder und Clips zu produzieren, um die WSL bis ins Olympia und Alles-Neu Jahr 2021 zu tragen.

Die Frauen werden mitgenommen aber meist bei unattraktiven Bedingungen ins Wasser geworfen

Um 9:39 war Hightide gestern, Koeffizient hoch. Da schickt man natürlich erst mal die Frauen ins Wasser, in dem Fall mit Maud le Car, Nadia Erostarbe (tritt für die autonome Region Baskenland an!)  und Canelle Bulard. Drei relativ unbekannte Surferinnen. Punkte nach einer Viertelstunde: 10, für alle drei zusammen. Um 8 schalten 383 Zuschauer ein. Die Bedingungen sehen eigentlich ganz gut aus, klein und glassy. Allein gesurft wird wenig, wozu auch die 20 Minuten Heats beitragen. Zur Hightide dann fast nur noch Closeouts. Die Art Welle, in der Medina an jeder Position aufsteht, weil der Peak überall ist, sozusagen. 

Salty Thoughts: Der Europe Cup of Surfing mit Gewinnerin Johanne Defay
ANGLET, FRANCE – SEPTEMBER 23: Johanne Defay of France winning Heat 2 of Round 1 of the French Rendezvous of Surfing event on September 23, 2020 in Anglet, France. (Photo by Damien Poullenot/World Surf League via Getty Images)

Die WSL hat übrigens den beiden bestplatzierten TeilnehmerInnen das Gelbe Trikot angezogen, bei Ferreira stimmt es auch, der hatte vergangenes Jahr die Tour gewonnen. Johanne Defaye war dagegen nur 8te. “The highest ranked Surfer on the Planet, Italo Ferreira.” tönt es von Joe Turpel.

Im zweiten Heat des Tages ist Rachel Presti dabei, die für Deutschland surft. QS Platz 33, ihre beste Platzierung so far, ausgerechnet im Seuchenjahr. Von den Bedingungen sollten ihr die Wellen in Biarritz liegen, die in ihrer Heimat Florida sind schließlich ähnlich. Falls es im kommenden Jahr tatsächlich nach Tokyo geht, wird das Surfen vielleicht auch noch mal den Unsinn der Nationenwertung etwas beleuchten. Der Surfer Kanoa Igarashi, Huntington Beach, CA, USA tritt für Japan an und Rachel Presti eben für Deutschland.

Ob es sich für Rachel auszahlt? Sie ist erst 18 und wirklich talentiert. Vor zwei Jahren gewann sie sogar den ISA Weltmeistertitel in der U-18 Kategorie. Die WSL konzentriert sich aber nach wie vor auf Brasilien die USA und Australien. Klar, dass viele gute Surfer aus diesen Ländern kommen, aber Weltmeister aus nur 3 Nationen in 45 Jahren? Aus der Szene hört man teilweise in deutlichen Worten, dass auch wirtschaftliche Erwägungen zwischen Gewinnen und Verlieren liegen. Die jüngste Debatte drehte sich um die größte gesurfte Welle in der Saison 2019/20, die Jury sprach der Brasilianerin Maya Gabeira den Titel zu (und damit auch den Weltrekord) und nicht der  Französin Justin Dupont. Ein Unentschieden wäre definitiv die fairere Wahl gewesen, denn: Man kann aktuell nur raten. Außerdem stürzte Gabeira am Ende ihrer Welle, aber das ist eine andere Debatte. Der deutsche Markt gibt jedenfalls nicht viel her für die WSL und ihre Sponsoren. Aber straft mich lügen. Rachel surft übrigens ordentlich, wird aber mit 3.33 Punkten aus zwei Wellen gnadenlos nach Hause (und theoretisch in Quarantäne) geschickt.

Bei den Männern ist das Teilnehmerfeld deutlich besser besetzt. Warum? Mehr Fuck-off-Money zum Reisen, schätze ich. Und obschon man bei der WSL für einmal gutes Timing bewies, als man die Preisgelder der Frauen auf das Niveau der Männer hob, deutet doch vieles darauf hin, dass auch diese Maßnahme vor allem Kalkül war. Regelmäßig bekommen die Männer die attraktiveren Bedingungen und die besseren Übertragungsfenster.

Ab 11 ist es deutlich größer, die Tide ablaufend und für ungefähr zwei Stunden gibt es tatsächlich gutes Wettkampfsurfen zu sehen. 1771 Zuschauer sehen im englischen Stream die Elimination Round mit Vasco Ribeira aus Portugal und dem Franzosen Maxim Hugenot. Immerhin, die beiden konnten mit dem Auto anreisen.

Wo wurde gesurft?

Gesurft wird in Le Club, einem von rund 8 austauschbaren Anglet Spots. Das Meer wird hier mittels Beton und Felsklötzen vom Menschen eingehegt. Das die Wellen nicht mehr so kooperieren, sollte da eigentlich niemand wundern. Die weltbekannte Welle les Cavaliers ist eines der bedeutendsten Opfer, vielleicht der größte Verlust an Surfpotential neben Madeiras Jardim do Mar.

In Anglet wird es unterdessen eklig. Zwei Uhr Localtime, eigentlich Zeit für Café. Stattdessen onshore mush, rippy, lowtide. Wieder deutlich kleiner. Alles mies, und kaum zu verstehen, dass die Organisatoren nicht on hold gehen. Möglicherweise will man auch Low-Profile bleiben und unbedingt an einem Tag durchkommen. Das Event wurde sowieso nur unter strengen online-only Auflagen genehmigt.

Hier sah noch alles gut aus: Die Bedingungen zum Sonnenaufgang. (Photo by Damien Poullenot/World Surf League via Getty Images)

Um drei sind 2000 Zuschauer im englischen Youtube Broadcast. Dabei kann man sich das nur mit Mühe anschauen. Ein Kommentator schreibt (auf englisch): „So wird es bei den Olympischen Spielen auch aussehen.“ Regen auf den Wellen, Regen auf der Kamera. Zwei Stunden Pause wäre der Call, aber die machen keine Gefangenen. Maske auf und durch, scheint das Motto zu sein.

Natürlich würde ich mein Talent lieber in besseren Wellen zeigen, aber ein Sieg ist ein Sieg.

Leo Fiorivanti sagt nochmal, was alle sehen.

Die WSL testet aus, was sie mit lokalen Behörden dealen kann. Der Sinn dahinter erschließt sich mir nicht. In 2021 steht die Totalrenovierung des Formats bevor, es soll auf einen Super-Bowl des Surfens hinauslaufen. Jede Football-Kundige weiß: Die restlichen Events werden dadurch gnadenlos entwertet und am Ende gewinnt meistens Tom Brady. Ob das dem Produkt WSL langfristig hilft? Nicht unbedingt mehr Infos, dafür aber Bilder, Clips und die Ergebnisse gibt es auf www.worldsurfleague.com.

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Luca Brück

Luca ist ein Tee trinkender Surfrabauke aus dem Schwarzwald. Seine Brötchen, den Tee und die Surfboards verdient er als Journalist und Blogger. Aktuell lebt und schreibt Luca in Oldenburg.

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