Die Fähre über die Flussmündung bei Freetown in Sierra Leone

Die Schildkröteninseln – Surfen in Sierra Leone

Die Surfer um Sam Bleakley sind nicht unterwegs, um sich die Fernsehnachrichten einmal “live” anzusehen. Sie wollen mit dem Surfen einer Küste unter die Haut fühlen und ihr ganzes Potenzial als eine Facette dieses Juwels präsentieren, das ein politisch und ökologisch stabiles Sierra Leone ohne Zweifel ist.

💁‍♂️ Hinweis der Redaktion: Das Auswärtige Amt meldet die Gefahr von gewalttätigen Ausschreitungen in Sierra Leone, ins Besondere in der Hauptstadt Freetown.

Text von Sam Bleakley, Bilder von John Seaton Callahan, Deutsch von Luca Brück. Mehr zu Autor und Fotograf unter der Geschichte. Story via John Seaton Callahan auf Azylo.


Die Trockenzeit in Sierra Leone neigt sich dem Ende und wir versuchen eben auch trocken zu bleiben, während wir uns von Freetown aus entlang der westlichen Halbinsel bis nach Banana Island surfen.

Gleichmäßige Wellen treffen auf Berge, die sich wie riesige Felsenbiester von der Küste abheben. Serra Lyoa bedeutet Löwengebirge auf Portugiesisch, der vorherrschenden Sprache der frühen Kolonialisierung Westafrikas. Überall am Strand finden rasante Fußballspiele statt. Weite, offene Buchten mit bunten Fischerbooten durchziehen die Küste, darin viele leicht zu surfende Sandbänke, mit rechten und linken Wellen.

Foto-Collage mit Fischen, Holzbooten und Mangofrüchten
Fischen, Holzboote und der Glaube an Gott sind drei Eckpfeiler des Lebens in Sierra Leone.

Ständig hört man Zikaden und an den Wochenenden erklingt mitreißende Gitarrenmusik aus den Holzhäusern der Krio. Diese lyrische Feier des Lebens wird vielleicht am besten von Freetowns Musikhelden Ansumana Bangura, Suleiman Rogie und Abdul Tee-Jay verkörpert, die in den 1970er Jahren weltweite Anerkennung erlangten, weil sie Sierra Leones Trommelmusik und traditionelle Lieder über Motive wie Tapferkeit und Romantik mit Afrobeat-Gitarren und Calypso-Stilen verschmolzen.

Sie nannten das “Palmwein”-Musik, dann “Milo-Jazz” nach den leeren, mit Steinen gefüllten Milo-Dosen, die als Rasseln verwendet werden. Heute ist der Soundtrack auf den Tanzflächen von Freetown (wo es eine wachsende Musikindustrie gibt) Hip-Hop und Dancehall, mit Keyboards und digitalen Mischpulten. Auf den Strandpartys ertönen jedoch immer noch die als “Oldies” bekannten Hits der Palmwein Zeit.

In jüngster Zeit haben die Sierra Leone Refugee All Stars das reiche musikalische Erbe und den Erfindungsreichtum des Landes wieder auf die Karte gebracht, indem sie Ruf-und-Antwort, Palm-Wine und Reggae mischten und damit die Konzertsäle in aller Welt füllten. Diese Männer, die einst im Exil lebten, haben ihren fröhlichen Beat in den unvorstellbaren Wirren des Bürgerkriegs in den Flüchtlingslagern in Guinea entwickelt. Auf gespendeten E-Gitarren lernten sie komplizierte, flirrende Patterns, die über einer Reihe von Handpercussions erklingen.

In Sierra Leone ist Sprache Musik

Das gesprochene Krio ist ebenso lyrisch. Einst die singende Umgangssprache freigelassener Sklaven, westindischer Soldaten, die zwischen 1793 und 1815 für die Briten gegen die Franzosen kämpften, sich niederließen und sich der lokalen Kultur anpassten und der europäischen Händler. Heute ist es eine vollwertige Sprache voller westafrikanischer Redewendungen und Phrasen, wie zum Beispiel die allgegenwärtige Begrüßung:

“Aw die bohdi?” (Wie geht es dir?).

“Di bohdi wehl” (Gut, danke schön!).

Die Musik und die Sprache sind Sinnbilder für den Wiederaufstieg Sierra Leones – sind sie doch eben so stark, dynamisch, treibend und lyrisch.

Das sind Dinge, die man feiern sollte. Auf unseren Reisen in ehemalige Kriegsgebiete Afrikas mit John Callahan, Erwan Simon und Emi Cataldi (die surfEXPLORE Crew) haben wir gelernt, dass man Orte niemals durch ihre Kriege charakterisieren sollte. Oder unsere Erwartungen und unser Verständnis nicht auf die Darstellungen unserer Medien zu beschränken. Im Fall Sierra Leones waren das vor allem Berichte über eine Generation, die die Landwirtschaft aufgegeben habe, um Schmutz in stehenden, schlammigen Gewässern zu sieben. Gebückt in der schmerzenden Hitze schürften sie Blutdiamanten in der Hoffnung auf einen Treffer. Und dann gab es da noch die Kindersoldaten, die von einem tödlichen Cocktail aus Kokain und Schießpulver high werden, der als braun-braun bekannt ist.

Obwohl die Narben der Kriege natürlich bleiben, vermitteln diese Bilder oft eine falsche Vorstellung der Möglichkeiten und verhindern sogar einen kreativen Wandel. Oft führen sie zu Mitleid und aufoktroyierter Hilfe an Orten, die eigentlich Bildung brauchen, damit die Menschen nachhaltig und selbstbestimmt an ihrer Zukunft arbeiten können.

Wir sind nicht hier, um die Nachrichten zu bestätigen und unser Mitleid kundzutun. Wir wollen durch das Surfen einer Küste unter die Haut fühlen und ihr ganzes Potenzial als eine Facette dieses Juwels präsentieren, das ein politisch und ökologisch stabiles Sierra Leone ohne Zweifel ist. Natürlich stehen Wasser, Strom und verfügbare Arbeit für die Bevölkerung an erster Stelle. Aber dieses Land ist ehrgeizig und auf dem Vormarsch, während es gleichzeitig seine kulturellen Mysterien pflegt, wo Autoritäten aus dem Jenseits ein Gegengewicht zur Macht der Politiker und Häuptlinge bilden.

Die Fähre über die Flussmündung bei Freetown in Sierra Leone
Fähre über die Flussmündung in Freetown, Kupr, Sierra Leone.

Da der internationale Flughafen auf der anderen Seite der Flussmündung der Hauptstadt Freetown liegt, ist die Überfahrt mit der Fähre der erste Schritt, um zu den Wellen zu kommen. Und schon das ist ein Abenteuer. Wenn man unter Erkundung die Suche nach neuem Wissen versteht und nicht das koloniale Projekt der Ausbeutung von Ressourcen, dann ist dies der “Erkundungsteil” der Reise, die wir seit über einem Jahr geplant haben – zu den abgelegenen Schildkröteninseln im Süden des Landes.

Soweit wir wissen, werden wir die ersten sein, die auf diesem Archipel surfen (und das Surfen dokumentieren). Es erwartet uns ein Netz animistischer Geheimbünde, das von flachen, sich verschiebenden Sandbänken als Metapher für seine Privatsphäre umgeben ist.

Auf den neun kleinen Inseln, die sich über 60 Kilometer erstrecken, leben etwa 1.000 Menschen in autarken Fischergemeinschaften, die von Netzfischerei, Mattenherstellung und Weberei leben.

Der Plan ist, bei Henri Pelissier zu wohnen, der auf der Schildkröteninsel Bakie eine kleine Öko-Lodge mit Campingplatz namens Turtle Dream betreibt. Henri hat einen privilegierten Zugang zur örtlichen Gemeinschaft – er hat den Sohn des Inselhäuptlings Abu adoptiert und aufgezogen, als dessen Mutter bei der Geburt starb. Abu ist jetzt Anfang zwanzig und arbeitet mit Henri und einer Reihe anderer Einheimischer auf Bakie zusammen, um eine potenzielle neue Welle von Abenteuertouristen zu versorgen.

Wir treffen uns mit Henri in der Nähe von Tombo auf dem Festland, um ihm unser Projekt im Detail zu erklären. Er ist ein kühler und charismatischer Pied-Noir (Begriffserklärung!) mit intensiven blauen Augen und ledriger Eidechsenhaut. Er ist glatt rasiert und hat kurz geschnittenes, silbernes Haar. Sein Händedruck ist verbindlich, aber auch herzlich, und er hält beim Sprechen den Augenkontakt. Das sind gute Zeichen für Verhandlungen. Er hat große Hände. Das ist ein gutes Zeichen für Großzügigkeit. Henri kennt das Meer als Seemann, Fischer und Taucher sehr gut.

Ich kann nicht anders, als an Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer zu denken, wo der alte Fischer an das Meer immer als “la mar” denkt, wie man es auf Spanisch nennt, wenn man es liebt … als etwas Weibliches und als etwas, das große Gunst gewährt oder verweigert, und wenn es wilde oder böse Dinge tat, dann deshalb, weil es nicht anders ging.  Viele Surfer, Segler, Fischer und Taucher haben das Meer immer auf diese Weise geliebt – nicht als etwas, das erobert werden muss, sondern als eine größere Präsenz, die respektiert, aber auch geliebt werden muss. Diese Menschen gleiten so leicht ins Meer, wie sie an Land gehen, und lieben nichts mehr, als sich auf die Stimmungen des Meeres einzustellen.

Henri ist begeistert von unseren Plänen, die Wellen zu erkunden, und erklärt, dass ein befreundeter französischer Pilot bestätigt hat, dass die Schildkröteninseln sehr gute Wellen habe, auch wenn er sie nie gesurft sei.

Tatsächlich hat sie unseres Wissens noch niemand gesurft. Wir sind begeistert von der Idee, unberührte Wellen zu surfen. Es geht dabei nicht um die Eroberung, sondern um das Vergnügen des Reisenden – oder besser des Entdeckers – Wir wollen am liebsten mit Henri direkt zu den Schildkröteninseln aufbrechen, haben aber in einem langen E-Mail-Austausch bereits zugesagt, ein Boot bei ‘Greg dem Griechen’ auf Banana Island zu mieten. Henri macht sich von Tombo aus auf den Weg nach Bakie, um das Camp vorzubereiten, während wir uns auf den Weg nach Banana machen, um unserer Buchung bei Greg nachzukommen (nachdem wir zwischenzeitlich von einigen Quellen gehört haben, dass man bei Geschäften mit Greg ausrutschen könne.)

Die Medizin des Falken ist Geduld

Ein paar Bananenschalen können wir schon verkraften – das gehört zum Reisen dazu, und wir stehen schon seit Monaten mit Greg in Kontakt, um diesen Teil der Reise zu planen. Auf den Turtle Islands gibt es anscheinend keine Vorräte, und es hat Erwan einiges an Überzeugungsarbeit gekostet, zu erklären, dass wir das Boot eine ganze Woche lang brauchen, nicht nur um die Inseln zu erreichen, sondern auch um die Wellen um Bakie, Bumpetuk, Chepo, Hoong, Mut, Nyangei, Sei, Yele und Sherbro zu erkunden. Dafür brauchen wir eine Menge Treibstoff, viel Wasser, viel Zeit und noch mehr Geduld. Und bald erfahren wir, dass ein Krio-Sprichwort besagt: Die Medizin des Falken ist die Geduld (Geduld wird belohnt).

Ein langer Strandfinger wird von einer Flussmündung abgeschnitten. Im Hintergrund aufragende Hügel mit Tropenholz.
Der Strand an Fluss Nummer 2 auf der Freetown Halbinsel. Manch einer erkennt die Szenerie möglicherweise aus einer Serie von Bounty-Werbespots aus den 80er Jahren (der Schokoriegel).

Aber wir dürfen nicht zu geduldig sein. Jeden Tag kann der noch leere Himmel eine Million Badewannen ausschütten. Dann beginnt die Regenzeit und überzieht die Küste mit einem blaugrauen Schwamm, der drei Monate lang regelmäßig ausgewrungen wird. Gleichzeitig ist das die Surfsaison. Der Übergang zwischen Trocken- und Regenzeit bietet die beste Gelegenheit für anständige Wellen und einzigartiges Licht. Und wir wollen Bilder, die Sierra Leones magische Küstenlandschaft zur Geltung bringen.

Ein langer Sandstrand in Sierra Leone, ein Surfer und ein Hund laufen ihn entlang.
Emiliano Cataldi und ein Hund, der sich mit uns angefreundet hat, gehen den Strand an Fluss Nummer 2 hinauf.

Es ist 7 Uhr morgens, feucht, und ich bin bereits schweißgebadet. Es fühlt sich an wie ein erstes Anzeichen der Regenzeit, die ein unangenehmes Jucken mit sich bringt, eine spürbare Ungeduld; Pflanzen, Tiere und Körper, die sich darauf vorbereiten, sich von der Sonne zu verabschieden. Die Stechmücken stechen mit Inbrunst und Begierde. Greg trägt zur Irritation bei – er ist groß, haarig und ständig in Aufregung.

Die bevorstehende fünfstündige Überfahrt zu den Turtle Islands in einem zwanzig Fuß langen, schmalen Holzboot mit Außenbordmotor, das in einem grellen Orange gestrichen ist, wird uns den Schweiß auf die Stirn treiben. Aber wir flehen Greg immer noch an, dass wir genug Vorräte für eine Woche mitnehmen dürfen. Er hofft, dass wir in drei Tagen zurück sein werden. Aber wir wissen, dass der Swell erst in fünf Tagen seinen Höhepunkt erreichen soll.

Wir erklären es ihm wieder und wieder, aber Greg weigert sich, eine flexible Absprache oder Improvisation zuzulassen (wichtige Elemente eines Surf-Trips) und behauptet, wir würden seine organisatorischen Fähigkeiten kritisieren. Wir haben uns bereits zerstritten, aber zum Glück haben wir das Boot, Wasser für eine Woche und hoffentlich genug Treibstoff. Henri kümmert sich um die Verpflegung und Zelte.

Greg, immer noch aufgeregt, stellt uns den vergleichsweise coolen Captain Moses vor. Er ist dünn, trägt einen Sonnenhut mit breitem Rand und ein schönes Paar hochgeschnittene Patagonia-Shorts, die Hipster-Qualitäten haben.

“Wo kommst Du her, Moses?”

“Ich bin ein Sohn dieser Erde,” sagt er, und zeigt auf Banana Island, während sich John, Erwan und Emi vorstellen.

“Fahren wir los?”

Sam Bleakley mit einem Hang Five auf den rechten Wellen unseres Strands an Fluss Nummer 2.

“Ja, das Timing ist essenziell. Wir wollen nicht auf den flachen Sandbänken vor den Inseln havarieren!”

Wir hieven das Boot in langsamen Stößen an den Strand und laden schnell die Ausrüstung auf. Etwas frostig verabschieden wir uns von Greg. Kapitän Moses wirft den Außenborder an. Es riecht beruhigend nach Diesel und Salzwasser.

Es ist keine Überraschung, dass Moses ein großes Glas Mayonnaise mit Palmwein oder “Buschkerosin”, wie er es in Krio nennt, dabei hat. Aber wir sind doch schockiert, als er es aus einem Fünf-Liter-Kanister nachfüllt.

Moses lacht, und wir können seine Gießtechnik nur loben: Er stützt das Mayonnaiseglas auf die Seite des Bootes, steuert seitlich durch die Wellen und verschüttet keinen einzigen Tropfen. Dann zieht Moses einen vorgerollten Joint (der hier legal ist) aus seiner Hemdtasche, schützt ihn mit seiner Regenjacke, zündet ihn mit einer geschmeidigen, gut geübten Bewegung von der Tasche zu den Lippen an und inhaliert kräftig.

Erst riecht es süßlich, dann kommt eine Tabakwolke. Er bläst die ersten Rauchschwaden durch die Nasenlöcher, der Wind verweht sie. Und so geht es weiter: Palmwein, Joint, Palmwein, gelegentlicher Blick auf den Kompass, der in ein Stück Styropor eingelassen ist. Moses’ Augen werden immer blutunterlaufener, aber sein Kurs stimmt, und wir halten den Glauben aufrecht. Paradoxerweise scheint das Ritual ihn zu fokussieren.

Mittlerweile sind wir durchnässt, weit draußen in hohem Wellengang. Emi, Erwan, John und ich sitzen zusammengekauert auf zwei Planken, unser Gepäckberg wird von einer Plane bedeckt, etwas bohrt mir in den Rücken. Jeder Muskel ist ständig angespannt, um das Gleichgewicht zu halten, was ein Trommeln in der Stirn erzeugt, ähnlich den Warnzeichen einer Migräne. Der Himmel ist eintönig grau, aber ich bekomme trotzdem einen Sonnenbrand und creme mich nach. Falls wir kentern sollten, haben wir wenigstens Surfbretter dabei und es sind große Trawler in Sicht.

“Ich war auch mal ein Fischer”, sagt Moses.

“Warum hast Du aufgehört?”

“Tja. Siehst Du die koreanischen Trawler am Horizont? Sie ärgern uns. Illegale Arbeit. Sie haben unsere Netze zerschnitten. Ich musste in den Tourismus gehen, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich fische nur noch selten.”

Das ist ein Problem, das angegangen werden muss. Sierra Leone ist ein Land mit 30.000 Kleinfischern, und 80 % des Eiweißbedarfs des Landes kommen von Fisch.

Während die Fahrt immer holpriger wird, scherzen wir darüber, was wir retten werden: Alle sind sich einig, dass es das Geld sein muss. Sierra Leone ist ein Land, in dem man nur mit Bargeld bezahlen kann. Deshalb haben wir das gesamte Reisebudget an Bord, um für Boote, Lebensmittel, Wasser, Unterkunft und die Miete eines Geländewagens auf dem Festland zu bezahlen.

Geldwechsel am Flughafen

Kleine Rückblende zu unserem Geldwechsel vor einer Woche vor dem Flughafen von Lungi. In den sicheren Händen unseres Fahrers Bayoh versammelten wir eine kleine Gruppe von Straßenwechslern (sogenannte “Dollar Boys”). Ihre Banktresore waren gut genutzte Rucksäcke. Sie trugen schicke Schuhe und englische Premierleague-Trikots.

Alles lief reibungslos auf dem Rücksitz von Bayohs Geländewagen und es dauerte etwa eine Stunde, um zu zählen und nachzuzählen. Die Zeit reichte aus, um sowohl eine Hochzeits- als auch eine Beerdigungsprozession vorbeiziehen zu lassen, was unser Geschäft perfekt einrahmte. 500.000 Leones sind 100 Dollar.

Wir arbeiten jetzt mit “Bündeln” und “Stapeln”. Ein “Bündel (Wad)” besteht aus fünfzig 10.000er-Scheinen. Ein ‘Stapel’ besteht aus fünf ‘Wads’. Verwirrt? Wir haben jeder einen ‘Stapel’ von ‘Wads’ und scherzen darüber, dass wir Gangster sind, die sich auf den Turtle Islands mit einem Vorrat Bargeld verstecken, das sie nirgendwo ausgeben können!

Vier Surfer laufen auf einem Sandrücken, den das Meer und ein Fluss in Sierra Leone gebildet haben, entlang.
Die Reisegruppe auf dem Weg zum Strand von Fluss Nummer 2.

An vielen Orten entlang der Küste von Sierra Leone wird illegal Sand abgebaut, um damit Beton für den Bauboom in Freetown herzustellen. Wenn es etwas gibt, was dieses Land im Überfluss hat, dann ist es Sand, und zwar jede Menge davon.

Nach vier Stunden (60 Kilometer von Banana) kommt die erste der Schildkröteninseln in Sicht. Aber wir sind zu weit weg, um Details ausmachen zu können.

“Die Hoong Insel”, sagt Moses. “Das hier ist die Insel der Geheimgesellschaft der Männer”, fügt er hinzu.

“Können wir sie besuchen?”

“Nein. Ihr könnt da nicht hingehen”, plötzlich spricht er in todernstem Ton. “Außenstehende sind nicht erlaubt. Selbst einheimische Frauen schauen nicht einmal den Sand an. Sie bedecken ihre Augen, um die Geister nicht zu beleidigen. Sie werfen nie einen Blick auf die Insel. Sie haben eine eigene Insel für ihre Riten”, und Moses deutet weiter nach Südosten.

Der Surfer Emiliano Cataldi auf einer Welle in Sierra Leone
Emiliano Cataldil auf der ersten Welle des Morgens. Freetown, Sierra Leone.

Es gibt eine langgezogene Sandbank, die nur von ein oder zwei Zentimeter Wasser bedeckt wird. Wir loben Kapitän Moses für seine Navigationsfähigkeiten, trotz seiner Vorliebe für Palmwein und Joints. Irgendwie scheint die Kombination seine Aufmerksamkeit sogar zu fördern.

Wir umfahren die Insel Mut in der Nähe eines Dorfes. Die Einheimischen erkennen das grell orangefarbene Boot. Erst letzten Monat hat Moses eine Testfahrt von Banana nach Turtle gemacht. Dies ist erst die zweite Fahrt. Der Tourismus und die Turtle-Inseln sind noch keine Bettgenossen (und genau darin liegt der Reiz für uns). Eine Reihe von hölzernen Einbäumen säumen das Ufer. Dahinter türmen sich Palmen und strohgedeckte Hütten aus Lehm und Holz. Jede Insel hat ein paar Fußballmannschaften, eine Moschee (Sierra Leone ist ein überwiegend muslimisches Land), Mangroven und einen Süßwassersee (der von Krokodilen bewohnt wird, da die Inseln einst mit dem Festland verbunden waren).

Endlich kommt die Öko-Lodge auf Bakie in Sicht, nahe am Wasser in einem gerodeten Mangrovenstreifen, mit offenen Seiten, einem strohgedeckten Essbereich mit einem langen Hartholztisch und einer Arbeitsküche dahinter. Es gibt zwei große blaugraue Kuppelzelte, einen überdachten Dusch- und Toilettenbereich und eine Holzhütte.

Wir landen, springen aus dem Boot und begrüßen Henri, Abu, Musa und Ezekiel mit der allgegenwärtigen Hand-aufs-Herz-Geste. Im Gegensatz zur Klaustrophobie von Banana fühlt es sich hier offen und grenzenlos an, Himmel und Meer erstrecken sich in alle Richtungen.

Es gibt keinen Telefonempfang und anscheinend nur eine Bar auf einer Insel in einer Stunde Entfernung. Das ist eine willkommene Überraschung. Es gibt einen Generator für Strom, und Henri hat Fisch zubereitet. Das Essen ist köstlich und kann mit jeder erstklassigen Öko-Lodge der Welt mithalten.

Wir packen aus und inspizieren begeistert Henris verwitterte Seekarte und Emis GPS-Karten auf seinem iPad mit den Surfspots, die wir ansteuern wollen. Wir einigen uns darauf, an der Nordwestspitze der Insel Yele anzufangen, vielleicht eine Stunde mit dem Boot. Nach einer fünfstündigen Überfahrt, einem Kanister Palmwein, mindestens zehn Joints und zwanzig Zigaretten kann Moses nicht mehr und Abu erklärt sich bereit, uns zu fahren. Abu ist ein eingefleischter Manchester United Fan, trägt das neueste Trikot und hat die Ausstrahlung und Statur eines jungen Fußballtalents. Er wurde auf der Insel Bakie (im Hauptdorf im Südosten) geboren.

Henri (Abu’s Adoptivvater) ist ein willkommenes Mitglied dieser lokalen Gemeinschaft und organisiert den Kleintourismus für die Einheimischen sehr klug. Aber er kann dabei eindeutig auch streng sein. Moses wacht wieder auf, nur halb lebendig und fragt, warum Abu das Boot steuert:

“Macht keinen Ärger, sonst bekommt ihr es mit mir zu tun!”, sagt er. Ab jetzt sind Abu und Henri verantwortlich und Moses schläft seinen Palmweinrausch aus.

Drei Surfer am Strand auf den Turtle Islands. Die Inseln bestehen komplett aus Sand.
Surfer in den Sandformationen der Schildkröteninseln. Nicht ein Stein weit und breit.

Wir cruisen nach Yele, legen auf der Nordseite an und laufen von dort zur swellexponierten Südseite. Der Wind ist südwestlich, auflandig, soll aber über Nacht auf Nordwest drehen. Die meisten Sandbänke sind groß und flach, viel Weißwasser, aber weiter unten auf der Insel sieht eine lange Rechte vielversprechend aus.

Wir beschließen, wiederzukommen und am nächsten Morgen steht die Regenzeit auf Pause, Himmel und Meer verschmelzen zu einem wilden Blau. Lange, sauber brechende Rechte warten darauf, gesurft zu werden.

Bisher hat man hier nur natürliche Geräuschen gehört, das sich bewegende Wasser, die schnappenden Wellenlippen, das brodelnde Weißwasser. Emi und Erwan sind die ersten, die Surfgeräusche in die Wellen bringen und die Sets melken. Die Wellen sind klein, aber spielerisch. Auf der Welle der Session macht Emi einen tiefen Bottom Turn, carvt unter die Lippe und vollführt eine feurige und coole Abfolge von Manövern, bestimmt fünfzig Meter entlang der Sandbank.

Später, sonnengebräunt und dehydriert, lassen wir es Abu auf der Inside versuchen, und er steht beim dritten Versuch auf, bevor er in von der Brandung zerquetscht wird, und beschließt, dass er bei seiner Position als Stürmer der örtlichen Fußballmannschaft bleibt.

Unser Hauptziel für die Reise nach Sierra Leone war es, zu den Turtle Islands zu gelangen, einer Gruppe traditioneller und abgelegener Inseln im Süden des Landes. Es war eine Menge Arbeit, aber als wir diese Sandbank mir rechten Wellen fanden, war es das alles wert.

Ein Surfer trägt sein Brett an einem Strand, im Hintergrund bricht eine Welle
Erwan Simon. Das surfEXPLORE-Team auf der Suche nach Wellen auf den Turtle Islands. Die Inseln bestehen ausschließlich aus Sand, es gibt nirgendwo Felsen oder Riffe irgendeiner Art.

Schnell finden wir einen Rhythmus aus Surfen in der Morgendämmerung in Yele, Mittagessen im Camp und nachmittäglichen Erkundungen der auf dem GPS markierten Spots. Darunter ist auch ein Break hinter dem Camp auf Bakie. Die Sandbänke ändern sich mit den Jahreszeiten und dem Wellengang, und dieses Mal finden wir keinen besseren Spot als Yele. Moses, jetzt nüchtern, und Abu wechseln sich als Kapitän ab. Beide sind erfahren und liefern jeden Morgen genaue Wettervorhersagen.

Je nach Windrichtung sind die Tage entweder klar-blau oder cremefarben mit satten Wolken, die mit Regen drohen. Atomare Cumulonimbuswolken steigen vom Festland her auf, und der Nachthimmel wird von Gewittern in der Ferne erleuchtet. In der Morgendämmerung arbeiten die Fischer allein in ihren Einbäumen, mittags dann in Gruppen, die ihre Netze im Rhythmus der Gezeiten über die Küste auswerfen. Die Zahl der Meeresbewohner und Vögel übersteigt die Zahl der Menschen bei weitem.

An nur einem Nachmittag sehe ich Schwarzmilane und Schwärme von Seeschwalben, Störche, Pelikankolonien, Eisvögel, Barrakudas, Tarpune und Adler. Die Wellen bleiben klein, aber wir erinnern uns an das Krio-Sprichwort: Die Medizin des Falken ist Geduld.

Auf der Suche nach Wellen laufen die Surfer Querfeldein.
Da es keine Autos oder Straßen gibt, erfolgt der Transport per Boot oder zu Fuß.
Angelkanu mit Segel und handgefertigtem Paddel
Angelkanu mit Segel und handgefertigtem Paddel

Wir nehmen eine Abkürzung, immer nach Krokodilen Ausschau haltend und feilschen um eines der wunderschön verzierten einheimischen Kanupaddel. Auf den Turtle Islands gibt es überraschend viel Süßwasser, und auf mehreren Inseln leben Krokodile, die sich von Fischen und Vögeln ernähren. 

Ein Sonnenuntergang in den Tropen.
Sonnenuntergang in den Tropen.
Einheimischer Junge in einem Dorf auf den Turtle Islands, wo die Inselbewohner ein traditionelles Leben mit nur wenigen Besuchern und moderne Annehmlichkeiten führen.
Einheimischer Junge in einem Dorf auf den Turtle Islands, wo die Inselbewohner ein traditionelles Leben mit nur wenigen Besuchern und moderne Annehmlichkeiten führen.

Wir müssen den Forecast checken, um die Ankunft des Swells zu bestätigen. Auf der Insel Sei gibt es offenbar Handyempfang. Wir legen an und Henri begrüßt alte Freunde, die auffällig gemusterte Kopftücher tragen. Man merkt, wie sehr Henri die Beziehung zu diesen Gemeinschaften belebt.

Kommunikation ist hier eine eigene Kunstform. Henri muss dem Häuptling und dem Hafenmeister eine kleine Steuer zahlen. Auch zu wohlwollenden Begegnungen gehört ein kleiner Streit. Henri weiß, dass Tourismus für das finanzielle Überleben dieser abgelegenen Gemeinden entscheidend ist. Die Beziehungen zwischen Gastgebern und Gästen sind dabei entscheidend.

Zum Glück geht der Streit in Gelächter über, und Henri versucht, die Kinder mit Zaubertricks zu unterhalten. Er schlägt vor, dass der Hafenmeister versucht, die Leone-Banknote aufzufangen, wenn er sie fallen lässt. Jedes Mal weht die Brise ihn davon, und die Kinder rufen “Juju. Juju. Juju.”

Ein Surfer auf den Schildkröteninseln in Sierra Leone.
Die letzten Tage der offshore Winde in der Trockenzeit treffen auf frischen Swell.

“Warum hast Du Dich in diesen Ort verliebt?”, frage ich Henri, als das Gelächter abebbt.

“Die Leute. Sie kennen keinen Neid. Sie teilen.”

“Bestimmt wollen Tourismus-Entwickler vom Festland auch ein Stück vom Kuchen?”

“Fremde werden hier nicht akzeptiert. Tourismus kann nur funktionieren, wenn man die Locals mitnimmt.” Ich stimme zu.

Die Einheimischen sind stolz auf ihren Archipel. Und stolz sind sie auch auf ihre Fußballmannschaft. Eine gute Möglichkeit, mit den Inselhäuptlingen ins Gespräch zu kommen, besteht darin, sie zu fragen, welcher Mannschaft sie angehören. Die ernsten Mienen, mit denen die Antworten kommen, unterstreicht ihre Loyalität: Liverpool, Manchester United, Arsenal, Chelsea, Real Madrid und Barcelona sind die Favoriten. Henri beherrscht natürlich die Kunst der Kommunikation, und man kann viel von seinem Ansatz lernen. Aber die Kommunikation mit der Außenwelt ist eine andere Herausforderung.

Wir gehen in die Mitte der Insel. Hier ist das zentrale Geschäftsviertel. Neben der Ölpalme ist ein Streifen, in dem die Familien Gräser für ihre Dächer ernten. Und genau hier gibt es ein schwaches Handysignal.

Aber über dem quadratmetergroßen Fleck mit Netz ist kein Schatten, und man muss den WLAN-Dongle hoch in den Himmel halten. Erwan und ich halten abwechselnd den Dongle, während Emi und John im Schatten versuchen, sich mit dem iPad einzuloggen. Mit nur einem Balken Signal dauert es eine Stunde, um einen zuverlässigen Forecast zu laden: Der lang-periodische Swell wird am Wochenende eintreffen. Wir haben die Beute im Blick.

Einheimische in Kanus auf den Schildkröteninseln.
Berufsverkehr auf den Schildkröteninseln. Hier gibt es nur traditionelle Kanus.
Ein Surfer auf einer Welle in Sierra Leone, im Vordergrund ein Zelt
Emiliano Cataldi setzt einen Carve über unser Zelt auf den Turtle Island. Der Shape seines neuen Quad ist an George Greenoughs Spoon-Kneeboards angelehnt.
Sam Bleakley surft vor den Turtle Islands von Sierra Leone, Einheimische schauen zu.
Sam Bleakley surft vor den Turtle Islands, eine Gruppe Einheimischer schaut ihm zu. Es dauert zwei Stunden, um von ihrem Dorf bis zum Spot zu laufen.
Emiliano Cataldi surft eine Welle
Emiliano Cataldi carvt mit seinem Mini-Simmons den Spray von der Welle.
5 Einheimische sitzen in einem klassischen Duguot Kanu, ein Steuermann steht.
Das bevorzugte lokale Transportmittel auf den Turtle-Islands, das Duguot Kanu.

Es ist Johns Geburtstag, und als Überraschung hat Henri ein paar einheimische Musiker organisiert. Sie haben eine große Dun-Dun-Trommel, eine verwitterte Kistentrommel, drei abgenutzte Kochtöpfe, eine Pfeife und eine Rassel.

Sie beginnen, mit den Fingern auf die Töpfe zu trommeln, wobei sie den Rhythmus mit einem kurzen Blickkontakt aushandeln. Plötzlich wird die große Dun-Dun-Trommel mit flexiblen Handgelenken im Rhythmus geschlagen. Die Kistentrommel folgt in einer ganz anderen Tonlage, während die Kochtopf-Trommler das Tempo anziehen, hart mit den Händen, sodass ein Querstrom von Rhythmen entsteht.

Wenn sich die Trommelstile vermischen, entsteht ein mitreißender Rhythmus, der immer heißer wird. Die Männer mit der Pfeife und der Rassel unterbrechen mit Klängen, die das Tempo wieder anziehen. Das Trommeln ist jetzt wie ein Sturm, gleichzeitig belebend und aufreizend, aber auch scharf und unbarmherzig wie Nadeln, die in Mustern in die Haut gestochen werden. Wir alle johlen und lassen uns auf die Polyrhythmen ein.

Die Ankunft eines Swells

Von der Musik angefeuert, begegnen wir dem ankommenden Swell mit Argusaugen. Lange überkopfhohe Rechtswellen schlagen wie Trommler auf die Sandbank, das Weißwasser rauscht und wir spüren die Salzspritzer auf der Haut.

Wir ziehen rhythmische Bahnen durch das Wasser, der Wind streift den Schaum von den Wellenlippen, während wir die Cutbacks in die Wellenkurven pressen, dann steigen aus, schießen über die Wellenlippe, schnappen das Board in der Luft, landen mit Anmut, und paddeln direkt wieder raus. Jeder Surfer kennt diese Liedzeile: Refrain, Solo, Refrain und Coda, mit gutem Trommeln im Herzen und Anmut im Gleiten.

Sam Bleakley auf einer Welle.
Die Sandbänke sind in ständiger Bewegung mit den Tiden, der Strömung und den Swells.
Der Bretone Erwan Simon haut einen Turn in eine Welle.
Erwan Simon mit einer Show für die Einheimischen, die zuvor noch nie Surfer gesehen haben.
Zwei Surfer stehen vor ihrem Zelt und schauen auf die Wellen.
Früher Morgen an der Sandbank. Rechte Wellen, offshore Wind.

Abu hat noch eine weitere Surfstunde, akute Ansteckungsgefahr mit dem Surf-Virus! Seine Geschichte ist es wert, erzählt zu werden, wie sich bald herausstellt.

Henri erzählt, wie in den späten 1980er Jahren der Tourismus in Sierra Leone aufkam, vor allem mit französischen Kunden, die die angeblich besten Strände Westafrikas rühmten. Henri arbeitete für das Africana Hotel in Tokeh auf dem Festland und nahm die Gäste auf seinem Schnellboot mit auf Angeltouren. Entschlossen, die gesamte Region zu erkunden, paddelte Henri mit einem einheimischen Freund im Kanu zu den Turtle Islands und verbrachte einen ganzen Tag auf dem Meer.

Bei Sonnenuntergang kam die erste Insel in Sicht: die heilige Insel Hoong. Sein Freund wollte zur nächsten Insel, aber Henri verlangte einen Stopp. Zwanzig Meter vor der Küste stieg Henri aus, während sein Freund darauf bestand, dass es keine gute Idee sei, seine toten Vorfahren zu beleidigen. Als Henri das Ufer zur heiligen Insel hinaufging, kam ihm der Häuptling entgegen, gefolgt von einer Gruppe wütend aussehender Männer.

Der Häuptling war feindselig und wesentlich größer als Henri. Doch Henri lächelte selbstbewusst und reichte dem Häuptling die Hand. Erschrocken ergriff der Häuptling Henris Hand, noch erschrockener über ihre Größe und seinen festen Griff. Der Häuptling zögerte, sah Henri in die Augen, drehte sich um und sagte: “Alles in Ordnung, der Typ gehört jetzt zu unserem Stamm.”

Mit seiner Kühnheit hatte Henri einen Volltreffer gelandet. Henri schlief in dieser Nacht auf der Insel, während sein Freund im Kanu blieb. Er hatte immer noch Angst, den heiligen Sand zu betreten und damit die Geister der Vorfahren zu beleidigen.

Am nächsten Morgen fuhren sie mit dem Kanu nach Bakie, wo Henri sich mit einem weiteren Häuptling anfreundete. Er erlangte Legendenstatus, weil er scheinbar auf die Insel der Geheimgesellschaft und in ihr Allerheiligstes aufgenommen wurde. Tage später kehrte er mit seinem Schnellboot zurück und fragte alle Inselhäuptlinge, ob sie ihm gestatten würden, kleine Gruppen von Touristen für Fischfang-Trips herüberzubringen. Er würde dafür bezahlen. Sie stimmten zu.

Er hatte ein Händchen für die Situation, nahm sich immer Zeit für die Einheimischen und verteilte die finanziellen Zuwendungen auf die bewährte Weise. Henri Tomorrow nannten sie ihn, weil er jedem Inselhäuptling, der ihn um einen Besuch bat, “tomorrow, tomorrow” zurief, wenn er mit dem Schnellboot vorbeifuhr.

Eines Morgens im Jahr 1991 kam Henri mit drei Gästen auf Bakie an. Aber die Stimmung war düster.

Die Frau des Häuplings war am frühen Morgen während der Geburt gestorben.

“Henri. Wir haben ein großes Problem”, sagte der Häuptling. “Keine anderen Frauen geben Brust. Nimm Abu. Er gehört jetzt dir, um ihn aufzuziehen.” Henri hatte keine andere Wahl und nahm Abu mit. Noch am selben Morgen brach er seinen Angelausflug ab und fuhr zurück nach Tokeh, wo sich seine Freundin aus Freetown bereit erklärte, bei der Erziehung von Abu zu helfen.

Im Gegenzug durfte Henri ein kleines Gästehaus auf Bakie bauen. Er war überzeugt davon, mit dem Tourismus genug verdienen zu können, um der Gemeinde zu helfen. Vielleicht, so dachte er, könnte Abu das Geschäft in Zukunft führen.

Dann brach der Bürgerkrieg aus. Das Gästehaus wurde zerstört. Eine ganze Reihe von Zwischenfällen, die Henri beim Erzählen die Tränen in die Augen trieben, überlebten Abu und Henri nur knapp. Sie wichen dem Konflikt aus, reisten nach Sierra Leone, Frankreich und Guinea und kehrten in einer konfliktfreien Zeit auf die Schildkröteninseln zurück. Abu war nun alt genug war, um in die Geheimgesellschaft auf Hoong aufgenommen zu werden.

Glücklicherweise hat sich der Tourismus in den letzten Jahren wieder als Vollzeitbeschäftigung etabliert. Mit einer kleinen Investition eines deutschen Partners, Martin Brehm, begannen Abu und Henri (und Musa und Ezekiel) im November 2013 mit dem Aufbau von Turtle Dream. Ich bin ziemlich sicher, dass dies nur unter der Führung von Henri und Abu und mit ihren besonderen Beziehungen zu den Häuptlingen, Hafenmeistern und Geheimgesellschaften möglich ist.

Ein Surfer bei einem Aerial Trick
Erwan Simon katapultiert sich ohne Sorgen in die Luft: Hier ist alles Sand, kein Stein im Wasser zu befürchten.
Ein neues Dugout Kanu. Das Holz kommt vom Festland, aber der traditionelle Kanubau wird aufrechterhalten auf den Schildkröteninseln.
Ein neues Dugout Kanu. Das Holz kommt vom Festland, aber der traditionelle Kanubau wird aufrechterhalten auf den Schildkröteninseln.
Erwan Simon surft im Atlantik vor den Schildkröteninseln von Sierra Leone.
Erwan Simon surft im Atlantik vor den Schildkröteninseln von Sierra Leone.

Wir haben kein Gas und kein Wasser mehr und nur noch genug Diesel, um zurück zum Festland zu kommen.

Wir wollen mit Henris größerem Boot nach Tombo fahren, im Konvoi mit Moses, und uns in der Nähe von Banana Island zu trennen. Wir helfen beim Zusammenpacken der Zelte und laden unsere Ausrüstung zusammen mit Musa, Abu und Ezekiel, die ebenfalls zum Festland zurückfahren werden, auf Henris Boot. Henri möchte, dass wir auf dem Weg dorthin die Insel der geheimen Gesellschaft besuchen. Wir waren offenbar gute Gäste, und Henri möchte uns ein einzigartiges kulturtouristisches Erlebnis bieten. Aber Moses ist nicht glücklich damit.

“Ich komme nicht mit”, sagt er. “Das bringt mir Unglück.” Offensichtlich sind Bananen-insulaner nicht willkommen. Also verabschieden wir uns von Kapitän Moses und lassen ihn mit einem frischen Kanister Palmwein als Begleitung die Heimreise antreten.

Abu muss in Hoong als erster von Bord gehen und den Häuptling fragen, ob wir ihn besuchen dürfen. Wie Henri vorausgesagt hat, sind wir willkommen. Aber Abu erklärt uns, dass wir Schuhe, Schmuck und Uhren ablegen müssen, bevor wir den Sand betreten. Wir fügen uns freudig. Es gibt eine Ansammlung von sieben Hütten, ein paar Kanus und dahinter einen dichten Bewuchs. Gerade werden Fische geräuchert und Brot gebacken.

Der Rest bleibt ein Geheimnis, das wir nie erfahren werden. Aber allein die Anwesenheit auf der Insel ist eine einzigartige Erfahrung. Abu erklärt, wie eine Gruppe von Ältesten die dreitägige Initiation von Jungen im Alter von sechs oder sieben Jahren beaufsichtigt. Er zeigt mir die Narben auf seinen Armen und seiner Brust von seiner Zeit hier.

“Es ist Medizin aus dem Busch und Schutz vor den Schlangen”. Ich erzähle Abu von meinem jüngsten Schlangenbiss durch eine Kreuzotter (aus der Familie der Vipern) in Cornwall, wo ich lebe. Sie ist so ziemlich das einzige giftige Tier in unserer Gegend. Als ich hinter einem Gartenschuppen aufräumte, biss mich die Schlange direkt in das Handgelenk. Das Gift war so direkt, dass ich sofort in ein Delirium verfiel, als ob ich mit der Schlange kommunizieren würde.

Meine Frau Sandy fuhr mich ins örtliche Krankenhaus, während sich das Gift meinen Arm hinaufarbeitete. Einmal spürte ich einen einzigen Herzschlag, der so stark war (entweder das Gift oder das Adrenalin), dass ich sicher war, dass ein solcher Biss ein kleines Tier töten könnte. Zum Glück ging es mir gut, ich brauchte kein Gegengift, und nach ein paar Tagen waren mein Arm und meine Hand wieder normal.

Ein Schlangenbiss aus Sierra Leone wäre da schon ernster. Abu stimmt zu, und unser Gespräch dreht sich wieder um Fußball, ein Thema, das uns beide in der Jugend beschäftigte. Ich beschließe, seine Loyalität zu testen.

“Was ist heiliger”, frage ich Abu, “diese Insel oder das Old Trafford (Stadion von Manchester United)?”

“Old Trafford”, sagt Abu ohne mit der Wimper zu zucken. Auch wenn das Surfen meine Leidenschaft für Liverpool längst verdrängt hat, weiß ich doch, welche Bedeutung Sportmannschaften für Fans auf der ganzen Welt haben können.

Fünf Stunden später erreichen wir mit dem letzten Tropfen Diesel Mama Beach in der Nähe von Tombo, wo wir unseren Fahrer Bayoh treffen.

Henri und sein Team werden in einer Woche nach Turtle zurückkehren, um die Lodge während der Regenzeit weiter auszubauen. Sie hoffen, in der nächsten Trockenzeit genug Besucher zu haben, um echte Einnahmen zu verbuchen. Wir werden natürlich nach Kräften Werbung machen und verbringen nun unsere letzte Woche mit Surfen auf der westlichen Halbinsel.

Ein Surfer mit Surfboards auf der Schulter.
Nach einem langen Reisetag trägt Emiliano Cataldi Surfboards auf der Schulter zur Unterkunft.
Ein Foto-Collage mit Szenen aus Sierra Leone.
Die Schildkröteninseln und die Freetown-Halbinsel von Sierra Leone.

Eine der spannendsten Entwicklungen an der 400 Kilometer langen Festlandsküste ist die Gründung des Bureh Beach Surf Club direkt vor einem rassigen Beachbreak mit beständigen, überwiegend linken, Wellen.

“Di waves dem go mak u feel fine” ist das Motto des Clubs, vielleicht ein zukünftiges Krio-Sprichwort. Der Club wurde mithilfe des irischen Surfers Shane O’Connor, einer Spende von Boards und Ausrüstung von der Surf-Report-Website Magic Seaweed und einer Finanzierung durch die deutsche Nichtregierungsorganisation “Welthungerhilfe” gegründet.

Wie bei Turtle Dream handelt es sich hier um positiven Ökotourismus in Aktion, denn der Ort wächst langsam und bescheiden, mit der örtlichen Gemeinschaft am Ruder. Es gibt ein Clubhaus, ein Küchencafé und einen Zeltplatz. Es werden Surfkurse angeboten, und bald wird es auch Unterkünfte geben. Vielleicht wird auch eine Rettungsschwimmerstation eingerichtet, was vor allem angesichts der Busladungen an Menschen, die zu den Strandpartys an die Küste fahren, sinnvoll wäre.

Wie das benachbarte Liberia entwickelt auch Sierra Leone eine stolze lokale Surfszene und beginnt, reisende Surfer anzuziehen. Wir spenden ein Surfbrett an den Club, der bald einen von der ISA (International Surfing Association) genehmigten Contest ausrichten wird.

Während wir die Spots im Norden erkunden, beschreibt unser Fahrer Bayoh das Surfen als “Skifahren in der Dünung” und behauptet stolz, wir würden “für das Tourismusministerium arbeiten”. Ein paar Entwicklungshelfer aus Freetown surfen am Wochenende an Spots wie Aberdeen, Sussex, River Number Two und Bureh, aber unter der Woche sehen wir keine anderen Surfer außerhalb von Bureh.

Der Höhepunkt der westlichen Halbinsel ist Cockle Point auf der Südseite des zweiten Flusses. Dort gibt es einen neuen Gästehauskomplex mit Hütten, die von Mangobäumen beschattet werden. In der Morgendämmerung überqueren wir den seichten Fluss mit dem Boot und wandern hinaus zu einer rechten Welle, die über Sand bricht und sich aufbäumt und dann 20 Meter auf den Strand schraubt. Die Kulisse ist ebenso spektakulär: dichte Mangroven, rotblühende Johannisbrotbäume, dann Hügel aus Eisenholz und gelegentlich hoch aufragende Baumwollbäume.

Eine Foto-Collage aus Sierra Leone.
Eindrücke aus dem westafrikanischen Sierra Leone.

Sierra Leone ist ein pulsierendes Land, das Besucher willkommen heißt. Es hat sich von dem verheerenden Bürgerkrieg erholt, der vor mehr als einem Jahrzehnt endete und der jeglichen Tourismus erstickt hatte.

Den Rest des Trips verbringen wir hier inmitten von Schmetterlingskolonien und Bienenstöcken, surfen in der Morgendämmerung, erkunden am Nachmittag die Lieblingsorte von Black Johnson und John Obey und essen dann Schnapperfische, Reis und Palaversauce (Zwiebeln, Chilis und Brühwürfel).

Wir treffen einige österreichische Akademiker, die Bergbaugemeinden in Lunsar und Marampa studieren und erklären, dass das Land über enorme Ressourcen verfügt: Eisenerz, Rutil (das in Zahnpasta, Sonnencreme und Farben verwendet wird), Titanerz, Bauxit, Zirkon, Uran, Holz und natürlich Diamanten.

Aber wie sagte noch der populäre Präsident Ernest Bai Koroma kürzlich? “Die Zukunft des Landes liegt in der Landwirtschaft, denn auch die Mineralien werden vergehen”.

Auch der Tourismus steht auf der Agenda der Regierung. Die österreichischen Akademiker machen sich auf den Weg, um einige Vorlesungen am Fourah Bay College in Freetown zu halten und erzählen uns, dass dies die erste Universität in Subsahara-Afrika war, mit auf das 19 Jh. datierten Abschlüssen. Freetown wurde als das Athen von Westafrika bekannt. Eine ganze Generation verlor während des Krieges die Chance auf Bildung, aber heute ist Fourah Bay voll von begeisterten Studenten, die entschlossen sind, das Beste aus ihrem Studium zu machen.

Die Mitglieder des Bureh Beach Surf Club erhalten ein neues Brett aus der Bic-Fabrik in der Bretagne, Frankreich. Der BBSC ist eine begeisterte Crew einheimischer westafrikanischer Surfer, die am Bureh Beach für Essen, Trinken, Unterkunft und gute Laune sorgen. Sie heißen alle Surfer willkommen, die Sierra Leone besuchen!
Der Bureh Beach Surf Club in Sierra Leone, Afrika.
Der Bureh Beach Surf Club, in dem man Bretter ausleihen, Surfunterricht nehmen, im Café zu Mittag essen und sich im Schatten bei einem kühlen Getränk unterhalten kann.

Schließlich fahren wir auf neu asphaltierten Straßen nach Norden in die pulsierende Hauptstadt Freetown, die von steilen Hügeln und dem strömenden Verkehr umschlossen wird.

Aberockte Poda-Poda-Minitaxis beherrschen die Straßen und schmettern die neuesten Hits aus dröhnenden Lautsprechern. Die alten Krio-Schindelhäuser sind rostrot und schwarz gefärbt. Die Friseursalons sind überfüllt, verkaufen Perücken und schneiden komplizierte Frisuren. Über Lautsprecher wird zur Zahlung der Steuern aufgerufen, während Musiker ironisch mit ihren Bescheinigungen winken und über den Mangel an Wasser und Licht singen.

Aber auch Erfolgsgeschichten finden sich überall: Da wäre Africa Felix Juice, das ein Mangosaftkonzentrat exportiert und das erste Exportprodukt des Landes mit Mehrwert seit dem Krieg ist. In der Nachbarschaft arbeiten Schneider auf kleinstem Raum, und nebenan gibt es eine Straße von Krawattenfärbeexperten, die Mahagoni, Akazie und Kolanuss verwenden, um lebhafte Drucke herzustellen. Ein Kollektiv von Schneidern, das von der Firma NearFar angeführt wird, verkauft seine Entwürfe im Londoner Modegeschäft Anthropologie und bringt dort den Stil von Sierra Leone auf das Radar.

Dies ist eine Stadt, die gefeiert werden muss, und ich erinnere mich daran, warum Henri sich in dieses Land verliebt hat – weil die Menschen nicht neidisch sind. Sie teilen. Sierra Leone ist bereits eine helle Flamme des westafrikanischen Tourismus, aber es braucht mehr Sauerstoff, um das Feuer am Brennen zu halten.

Eine Tankstelle in Sierra Leone bei Freetown. Der Tankwart nutzt Steine als Zählhilfe.
Eine Tankstelle südlich von Freetown, an der das Benzin von Hand gepumpt wird. Die Gallonen werden mit Steinen gezählt.
Ein Jeep auf einer Sandpiste in Sierra Leone
Ein unwegsames Stück Straße durch den Wald in Westafrika und eine Flussüberquerung mit dem Boot – mit der surfEXPLORE Gruppe wird es nie langweilig!

Sam Bleakley ist ein britischer Surfer, Reisejournalist und Filmmacher. Außerdem moderiert er für die World Surf League Stopps der Longboard-Tour.

In seiner aktiven Karriere gewann Bleakley nationale wie internationale Titel und wurde zweimal Europameister im Longboarden.

Als Autor hat er unter anderem für den Guardian, die Financial Times, The Independent und natürlich sehr viele Surf-Magazine geschrieben.

John Seaton Callahan wuchs auf Hawaii auf und ging mit Barack Obama in eine Klasse. Er studierte an der UCLA in Kalifornien und begann dort mit dem Fotografieren. Nach dem Studium ging John zurück nach Hawaii und fotografierte dort Locals wie Pocho Ahina, Ross Williams und Kirby Fukunaga für zahlreiche US-amerikanische und japanische Magazine.

Von Hawaii zog John weiter nach Singapur und etablierte sich schnell als einer der besten Surffotografen weltweit.

John hat Credits für Publikationen in New York Times, BBC, Lonely Planet, National Geographic, Redaktion GEO und vielen anderen internationalen Büchern, Magazinen und Websites sowie für mehr als 120 Titelbilder weltweit.

Luca Brück

Luca ist ein Tee trinkender Surfrabauke aus dem Schwarzwald. Seine Brötchen, den Tee und die Surfboards verdient er als Journalist und Blogger. Aktuell lebt und schreibt Luca in Oldenburg.

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